Aus dem Buch „Zen Wort Zen Kalligraphie“ von Eidô Tai Shimano und Kôgetsu Tani

Nichi nichi kore kôjitsu
Jeder Tag ist ein guter Tag

Meister Unmon sagte zu seinen Schülern: “Ich frage nicht nach eurem geistigen Zustand vor dem fünfzehnten Tag des Monats, aber sagt mir etwas darüber nach dem fünfzehnten Tag des Monats.” Niemand antwortete. Also gab Meister Unmon die Antwort selbst für uns alle: “Jeder Tag ist ein guter Tag.”
Nach dem Mondkalender erscheint am fünfzehnten Tag des Monats der Vollmond, welcher als Sinnbild steht für klare Erleuchtung. “Nach dem fünfzehnten Tag des Monats” meint also nach einer solchen Verwirklichung.
In Bezug auf “jeder Tag ist ein guter Tag” sind viele getäuscht durch das “gut”, und denken, dass gut das Gegenteil von schlecht ist. Darum denken viele, dass “guter Tag” ein glücklicher, schöner Tag bedeutet. Unmon jedoch hat das nicht so gemeint. Unmons “guter Tag” ist viel tiefsinniger. Er weist hin auf gerade hier – gerade jetzt, noch nie dagewesener, nicht wiederholbarer, absoluter Tag. Ein gutes Kôan für uns alle ist: “Was für eine Art Tag ist das?”
Ich möchte hier meinen eigenen Kommentar anfügen. Vom erleuchteten Standpunkt, vom absoluten Standpunkt aus gesehen ist jeder einzelne Moment so wie er ist, und kann nicht anders sein; und jeder Tag ist so wie er ist, und kann nicht anders sein. Ganz egal wie wir diesen Tag wahrnehmen – als langweilig, regnerisch, schrecklich, grossartig, glücklich oder traurig u.s.w. – wir können seiner Soheit nicht entfliehen. Jeden Moment voll zu akzeptieren, jeden Tag voll zu akzeptieren so wie er ist, das ist der Schlüssel zu “jeder Tag ist ein guter Tag”. Die Dinge sind so wie sie sind, und so sind auch die Momente und die Tage. Dieses “so wie sie sind”, oder “so wie es ist” bedeutet in sich selbst “gut”, weit über gut und schlecht hinausgehend. Zen Praxis ist die Praxis radikaler Akzeptanz.

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